Ameise

info@a-w-bergmann.com

Bodycount

Besucherzaehler

since 2013

JUNGE WELT

24.09.2012 / Feuilleton / Seite 12

Musik zur Unzeit

Playing Tough in Kreuzberg

Von Jamal Tuschik


Straßenmusik lockt mich an. Punkrock wie im letzten Jahrtausend, entstanden aus Liebe zum Schnörkellosen. Die Szene zerfällt in zig Bilder. Eine Frau singt, begleitet sich auf der Gitarre – und hinter ihr, seitlich versetzt und geradezu vertieft, schlägt einer Trommeln wie in einem neuen Mittelalter. Apokalyptisch.

 

Eine Schildforderung lautet: »Schützen wir Kinder vor Gentrifizierung«. Man entkommt diesem Wort nicht mehr. Was war vorher? Was war in all den Räumen, die heute Callcenter heißen?

 

»Playing tough music«, singt die Frau. Sie ist dünn wie Patti Smith. Ihr Chic: wie aus »Waterworld«. Nennt man das schon Retrofuturismus? Die Musikerin bespielt das besetzte Camp am Südblock, Kottbusser Tor, Berlin-Kreuzberg. »The rent is too high« steht über allem, auch auf türkisch: »Kira çok yüksek«. Die bürgerliche Mitte der Kreuzberger Gesellschaft ergibt sich aus türkischen Familien. Ihre Delegierten, meist gesetzte Frauen, sitzen solidarisch unter Planen und trinken Tee. Ihre Nachbarn, steinalte Punks, alte Verrückte und noch andere altarme Biodeutsche sitzen im Freien und trinken Bier. Die paar jungen Leute im Publikum der Band sind extra verschieden. Ich beobachte eine schmucke Antifaschistin mit ethnischer Differenz, die ihre Überzeugung als Aufdruck trägt. In einem anderen Top könnte sie eine ganz andere Rolle spielen. Sie geht mit der Klingelbüchse herum, doch kann man für jede Spende genauso gut ein Bier in etwa kaufen. Sie erklärt: »Schon, daß ihr hier seid, ist Solidarität.«

 

Ältere Beobachter der Migration begrüßt sie handfest. Buchstäblicher Abbau von Berührungsängsten wie aus dem Lehrbuch. In der Haarsprache sagt einer sehr deutlich: Ich will die längste Filzmatte auf Erden tragen. Ein Schmutzfänger als Personenschützer … vielleicht ist das die Idee. Die weitere Performance bleibt bieder beim Bier. Die Körpersprache sagt: Ich fühl mich ausgesetzt, und zur Kompensation halte ich meine Flasche warm in einem Fleischring aus Oberschenkeln.

 

Drei orientalisch-adoleszente Grazien finden das Ganze ein bißchen zu lächerlich. Sie distanzieren sich mit kleinen Zeichen, doch ohne jedes Aufbruchsbegehren. Erst einmal müssen sie herausfinden, wo der Dreh ist in dieser Angelegenheit.

 

Die Band pausiert, nun geht »Ameise« ab als Einpersonenrollkommando. Bürgerlich heißt Ameise Bergmann, gleich wird er mir raten, ihn zu googeln. Er hat sein Leben vertont, das war bislang eine wilde Jagd und Fluchtgeschichte. Ameise ist ein Zäher, er altert sehnig, ein Veteran »der größten Schlacht seit dem Zweiten Weltkrieg in Berlin«. Das soll eine Auseinandersetzung zwischen Polizisten und Punks im sagenhaften Damals vermutlich der 1980er Jahre gewesen sein, mit einem toten Schweizer am Ende. »Der Hauptstadt Obskurant« existiert als Tonträger, jeder kann hineinhören in einen kurzweilig zugeschnittenen und auf launig getrimmten, in jedem Fall auch rasanten Lebenslauf zwischen Party und »Plötze« (Berlinismus für die Justizvollzugsanstalt Plötzensee).

 

In abgeschlossenen Verhältnissen mußte Ameise Butterfässer floral schönen, er erzählt so blumig wie die Motive auf den Fässern, wie zuwider ihm das war – er verrät den Kniff seiner Erlösung. Auch als Ausbrecher tauchte Ameise nie tief im Untergrund der Stadt. »Auf Randale geeicht« und stets scharf darauf aus, »Leuchtkörper, Fenster und Passanten aus ihrer Fassung zu reißen«, konnte er ganz einfach nicht unauffällig beiseite treten. Es wußten immer alle, wo Ameise steckte, alle außer den Ermittlern. So wenig mochte er sich verstecken mit seiner »Mittelpunkt Sucht«. Schließlich galt Ameise »als unverhaftbar«.

 

Ameise hat von der vollen Aufmerksamkeit der Zuhörer im »Camp« erstaunlich viel. So ein bißchen Köpenicker Hauptmann-Travestie ist im Spiel, das reizt. Sitzt ja keiner und steht auch keiner im Dunstkreis, der mit einer Obrigkeit unter die Decke zum Kuscheln möchte. Die Stadt soll die Kanalisation nicht verrotten lassen und der Staat mit der Knete nicht so knausern. An dieser Kreuzberger Ecke herrscht kommunale Einigkeit.

 

Quelle